Hände

Eine Geschichte über meine Angst, mich berühren zu lassen

Ich neulich im Bad. Ich gesellte ein Tiegelchen mit Creme für meine rauen Fersen zu den anderen ülfzehn Ölen und Seren und Kuren für die trockenen und brüchigen und bedürftigen (Bau)Stellen meines Körpers.

Ich hatte mal den Traum von Minimalismus im Kosmetikregal. Minimalismus minimal geklappt. Dü düm.

Geht’s auch ohne!?

In einer Zeit, als wir alle viel zu Hause saßen, hatte ich angefangen rumzuexperimentieren. Geht’s ohne Alu im Deo, geht’s ohne Silikon im Shampoo – geht es vielleicht auch ganz ohne Creme?

Ich war angetan von den enthusiastischen Erfolgsgeschichten à la „Ich hab‘s einfach weggelassen und seither strahlt meine Haut gesünder denn je.“

Hat bei mir nur leider nicht geklappt. Meine Haut ist gefühlt nur wütender geworden und hat neue trockene Stellen produziert. Welcome Tiegel drölfzehn.

Die Verheißung von Unabhängigkeit

Aber woher kommt eigentlich die Vorstellung, dass es ohne klappen müsste, fragte ich mich beim Anblick meiner Fläschchen und Tuben und Tiegel.

Neben der Verheißung frischer, gesunder Haut, lockte mich das Gefühl von Unabhängigkeit, wurde mir dann klar.

„Ich brauche nichts und niemanden, ich strahle aus mir selbst heraus.“

Dass dahinter noch mehr steckt, du ahnst es schon, sollte bald eine andere Geschichte zeigen.

Der kritische Chor

Und zwar habe ich nicht nur trockene Haut, sondern auch verspannte Muskeln, von zu vielen Jahren im „Das Muss“-Modus. Diese Muskeln sehnten sich nach warmen, wohlmeinenden Händen, um unter ihnen schmelzen zu können.

Wie gerufen erzählte mir meine Freundin von ihrer Osteopathin und ich war direkt Feuer und Flamme.

Aber nicht lange.

„Das ist ja viel zu teuer! Was, nur ein Jahr Berufserfahrung!? Kann die überhaupt was? Wird mir das wirklich was bringen? Was, wenn nicht!? Dann war das umsonst und ich habe viel Geld zum Fenster rausgeworfen. Mmh, ja, vielleicht doch lieber nicht.“, tönte mein innerer Chor der kritischen Stimmen.

Ich spüre nach und entdecke

Nun wurde ich stutzig. Eben noch ganz heiß drauf und jetzt kälter als kalt!? Meine Erfahrung sagte mir, dass ich da auf etwas gestoßen war. Ich spürte dem nach.

Und siehe da, ich konnte ein Muster entdecken. Es hat etwas mit meinem Körper zu tun – und Angst.

Ich habe Angst davor, dass mir jemand zu nahekommt.

Und mit vorauseilendem Gehorsam hält mich meine innere Stimme mit ihrer Kritik zurück und damit in (vermeintlicher) Sicherheit.

Meine Angst bekommt einen Platz

Ich bin auf dem Weg zu mir selbst. Vom Kopf über die Gefühle bin ich in meinem Körper gelandet. Schicht für Schicht lege ich Themen frei.

Die Angst kann sich mir erst jetzt zeigen – jetzt wo ich mehr mit meinem Körper in Kontakt bin.

Sie begleitet mich schon lange, aber erst jetzt kann ich sie auch wirklich als solche erkennen. Sie hat Form bekommen, seit sie aus den Schatten herausgetreten ist.

Ich bin froh. Meine Angst hat nun einen Platz an meiner Seite. Ich kann sie endlich richtig kennenlernen und mich um sie kümmern

Epilog

Einen Termin bei der Osteopathin habe ich immer noch nicht. Aber ich weiß jetzt, dass ich nach einer Begleiterin Ausschau halten darf, bei der ich mich wirklich sicher und geborgen fühle. Ich habe vollstes Vertrauen, dass ich diesen Menschen finden werde.

Und derweil verwöhne ich mich mit meinen kostbaren Cremes und Tinkturen 😉